In Deutschland geht er weiter, der gnadenlose Krieg zwischen den führenden Social Networks, der VZ-Plattform und Facebook. Verloren haben ihn aus meiner Sicht aber bereits beide.
Facebook, weil sie immer unverschämter und rücksichtsloser werden, was die Daten ihrer Kunden, ihres Kapitals angeht. VZ, weil sie den Anschluss nicht schaffen und technisch auf dem Niveau ihres Gründungsjahres herumdümpeln.
2006 meldete ich mich bei StudiVZ an, Facebook war damals kaum bekannt in Deutschland. Ich fragte mich aber schon, wozu ich ein Netzwerk wie StudiVZ brauchen würde. Nach ein paar Monaten hatte ich mein erstes Dutzend an Freunden zusammen, da begann der Spaß dann so langsam. Über ein Jahr später sah das StudiVZ noch immer genau so aus, wie an meinem Anmeldetag (ich rekapituliere hier aus dem Gedächtnis, Detailfehler mögen mir verziehen werden). 2008 muss es dann gewesen sein, dass ich meinen Facebook-Account angelegt habe. Im VZ hat sich bis dahin noch immer nichts getan, die technische Alterung schritt voran. Facebook hingegen war auf dem aktuellen Stand der Technik, es gab einen integrierten Chat, Liveupdates (was heute im VZ der Buschfunk ist) und noch vieles mehr. Da ich ungefähr zeitgleich auch Twitter-Nutzer wurde, war Facebook für mich einfach perfekt, weil ich meine Twitter-Updates auch gleich meinen Freunden bei Facebook zukommen lassen konnte.
Dann kam eine "große Offensive" bei den VZ-Netzwerken. Sie führten den Buschfunk als Konkurrenz zu Twitter und den Facebook-Liveupdates ein. Im Gegensatz zu Facebook wurde hierfür aber nicht die Oberfläche überarbeitet, was dringend notwendig gewesen wäre. Entsprechend ist der Buschfunk de facto nicht nutzbar. Mittlerweile kann man zwar mehr als nur die sechs letzten Updates sehen, eine öffentliche Reaktionsmöglichkeit ist aber weiterhin nicht vorgesehen. Die sog. @-Replies, die dank Twitter zum Quasi-Standard geworden sind, scheint im VZ-Netzwerk noch keiner verstanden zu haben. Später kam dann sogar die erste Öffnung der VZ-Netzwerke nach außen: sie liessen eine Anbindung von Twitter zu. Doof nur, dass nicht wirklich ersichtlich ist, ob die Nachricht nun von Twitter oder direkt aus dem Buschfunk abgeschickt wurde. Wenigstens scheint mir das so bei den vielen Rückfragen, die mich zu dem Thema erreichten. Der Plauderkasten, der einige Zeit nach der Einführung des Livechats bei Facebook eingeführt wurde, war anfangs auch nicht wirklich nutzbar. Hier zeigte sich wieder, dass die Entscheider der VZ-Gruppe bemerkt haben, dass sie technologisch ins Hintertreffen geraten und schnell reagieren müssen, den nötigen Mumm aber nicht in der Hose hatten, die Oberfläche der Seite dafür anzupassen. Ich habe den Plauderkasten gehasst, weil er unkomfortabel war und ich in 95 % aller Fälle gar nicht mitbekommen habe, dass mich jemand kontaktiert. Der neue Plauderkasten sieht zwar deutlich besser aus (der Einfachheit halber wurde er einfach aus dem Seitenkontext herausgetrennt, öffnet sich also in einem neuen Fenster), auf sich aufmerksam macht er aber leider immer noch nicht. Ein weiterer Nachteil ist der, dass ich, um den Plauderkasten nutzen zu können, non-stop im VZ eingeloggt bleiben muss, was ich nun mal einfach nicht tue. Ein API zur Anbindung von Chatclients, oder noch besser: die Einrichtung eines Jabber-Servers, ist schon längst überfällig. Und dann ist da noch die Werbung. Natürlich muss eine so große Plattform wie die VZ-Netzwerke Geld verdienen. Da die Benutzer nicht bereit sind, etwas zu bezahlen muss eben Werbung geschaltet werden. Aber doch nicht so, wie die VZ-Netzwerke das machen. Riesengroß, bunt, blinkend und zu allem Überfluss auch noch hintergrundfarbenverändernd (dafür liebe ich die deutsche Sprache). Wäre ich Designer der Plattform, würde mir der ständige Austausch der Hintergrundfarbe zugunsten von Werbung ja tierisch auf den Puffer gehen. Aber auch als Nutzer nervt mich dieses permanente Geblinke, ich fühle mich wie auf einer Werbeveranstaltung. Weiter geht es mit vielen inkonsistenten Benennungen, der Benutzer wird hier häufig in die Irre geleitet, auch wenn er sich natürlich mittlerweile daran gewöhnt hat. Ein Mensch, der wenig mit Computern am Hut hat, dürfte hier aber seine Schwierigkeiten bekommen. So frage ich mich bspw., wieso der Link "Meine Fotos" heißt, wenn ich dort nicht nur meine Fotos, sondern auch noch die anderer Nutzer sehe. Wäre "Fotos" hier nicht sinnvoller und richtiger? Apropos Fotos: die Fotoalbenfunktion des VZ ist für jeden, der seine Bilder wirklich präsentieren möchte, nicht nutzbar. Abgesehen von der briefmarkengroßen Auflösung, wird jedes Bild beim Upload auf die VZ-Server kaputtkomprimiert. Mir als ambitionierten Hobbyfotografen würde es entsprechend nicht einfallen, meine Bilder tatsächlich zur Präsentation den VZ-Servern zu überlassen. Schließlich fragt man sich schon, was den tollen Bildern, die mit der mehreren Hundert Euro teuren Ausstattung gemacht wurden, passiert ist.
Facebook war um mein Anmeldedatum herum technisch deutlich weiter als die VZ-Netzwerke. Außerdem hat es damals, aus meiner Sicht, einen Sympathiebonus bekommen, weil die doofen VZ-Netzwerke ja im Endeffekt nur Plagiate von Facebook sind. Wie sich damals in der breiten Öffentlichkeit herausgestellt hat, haben die VZ-Gründer einfach das Layout UND das Konzept von Facebook kopiert. Ein Skandal in meinen Augen, Facebook war damals imagetechnisch der klare Sieger. Dazu kam noch, dass das VZ, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, massive Datenschutzprobleme hatte und die passenden Einstellungen ziemlich unfreundlich versteckt hat. Ein weiterer Pluspunkt von Facebook. Ja, so ändern sich die Zeiten. Mittlerweile hat Facebook die dämlichsten Datenschutzvoreinstellungen, die man sich überhaupt vorstellen kann, versteckt diese noch weiter unten im System als VZ seinerzeit und macht den Dialog so unverständlich, dass man sich nach Abschluss der Einstellungen nie sicher sein kann, ob die Daten nun für irgendwen sichtbar sind oder nicht. Wie ich von einer Farmville-Spielerin hörte, muss man seine Mitspieler zu seiner Freundesliste hinzufügen. Wo hier der Sinn liegt frage ich mich immer noch. Ich gebe doch Daten für meine Freunde frei, wie E-Mail-Adresse, Handynummer, etc., die wildfremde, mit denen ich zocke, rein gar nichts angehen.
Die Übersichtsseite, die sich einem direkt nach dem Login präsentiert ist eher eine Unübersichtlichkeitsseite. Ich bin mittlerweile wirklich überfordert, da ich keinerlei Struktur mehr in dieser Seite erkennen kann. Werbung und Livechat sind hier deutlich sinnvoller untergebracht. Die Werbung nervt nicht und der Livechat macht ausreichend auf sich aufmerksam. Außerdem waren die Jungs bei Facebook so freundlich, eine einfache Möglichkeit anzubieten, mit der man seinen Facebook-Account zum Chatten auch in Messengern wie Adium, Pidgin oder Empathy verwenden kann. Trotzdem bleibt die unübersichtliche Landingpage, der äußerst fragwürdige Umgang mit den Kundendaten und die Unsicherheit, was als nächstes ohne Rücksprache mit der Kundschaft geschehen wird. Zum Datenschutz: wieso müssen meine Freunde auszugweise in den Suchergebnissen bei Google auftauchen? Wieso wird mein Profilbild indiziert? Wieso erhalten "Apps" Zugriff auf all meine Daten und nicht nur auf den Namen? Wieso ist es so kompliziert, einen Facebook-Account zu löschen?
Mit Erscheinen dieses Artikels werde ich meine Aktivitäten in beiden Netzwerken massiv zurückfahren. Aufgrund der unsagbar hässlichen Oberfläche nutze ich das VZ ohnehin schon eine Weile nur noch passiv, pushe aber fröhlich meine Twitter-Updates in den Buschfunk. Das hat gleich ein Ende. Auf der Facebook-Seite logge ich mich aber auch schon eine ganze Weile kaum noch ein, weil sie mich einfach nur noch nervt. Auch hier werde ich gleich Tabula rasa machen und alle nicht wirklich nötigen Verbindungen und Daten löschen. Ich werde meine Profile in beiden Netzwerken nicht vollständig löschen, meine Aktivitäten aber deutlich einschränken. Vielleicht gebe ich ja dem einen oder anderen Leser dieses Artikels noch einen Denkanstoss. Umso mehr Leute den "Netzwerken" zeigen, dass es so nicht weiter geht, desto eher passiert vielleicht was und die Leitung der Netzwerke erinnert sich daran, für wen sie dieses Netzwerk eigentlich mal gebaut haben. Beide Netzwerke machen aus meinen Augen das Internet kaputt. Damit meine ich nicht technisch, sondern moralisch. Und ich prophezeie dass, sollte es so weiter gehen, beide Netzwerke in wenigen Jahren in der Unbedeutsamkeit verschwunden sind. Der Widerstand regt sich, immer lauter lese ich Fragen bei Twitter, wie man den Facebook-Account löscht oder seinen VZ-Account los werden kann. Alternativen zu beiden Netzwerken sind mir aber leider auch nicht bekannt. Na gut, dann eben ein Leben ohne Social Network, muss auch gehen ;-).



